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9. 11. 1989: Der Tag, an dem die Mauer fiel

9. 11. 2009: Tagebuch eines Wochenendes


20 Jahre danach feierten der Rennsteigverein, Ortsgruppe Neuenhof, und die Kirchgemeinde Neuenhof ein bewegendes Festwochenende mit Gästen aus Baden-Württemberg und Hessen. So organisiert der Werratalverein in Herleshausen seit dem Mauerfall mit den Thüringern jedes Jahr eine Wanderung aus Anlaß der Grenzöffnung.
Jetzt liefen auch Freunde vom Schwarzwaldverein, Ortsgruppe Besenfeld, sowie von der Neuenhöfer Partner-Kirchgemeinde aus Stuttgart-Weilimdorf mit.

Tagebuchnotizen von LUDGER KONOPKA

Samstag, 7. 11. 2009:
Am frühen Abend rollt der Bus mit den 43 Schwarzwälder Gästen aus Besenfeld und Stuttgart-Weilimdorf in Neuenhof ein. Leicht verwundert reiben sie sich die Augen. Auf der Straße stehen zwei ,,Vopos", weisen dem Fahrer Eugen Klumpp den Weg, entern den Bus und verlangen von den verdutzten Reisenden die Passierscheine. Auf den zweiten Blick entpuppen sich die ,,Vopos" als Reinhold Schwanz und Dieter Weiß, die stilvoll verkleidet für den ersten humoristischen Höhepunkt des Wochenendes sorgen.

Nach Quartierverteilung und Vesper trifft man sich in der Neuenhöfer Kirche.
Helmut Schmidt trifft ein. Nein, nicht etwa der immer noch staatsmännische Alt-Kanzler, sondern der seit 15 Jahren amtierende Bürgermeister von Herleshausen. Ein sympathischer, volksnah gebliebener Politiker, ohne Allüren. Heute hält er als ,,Kulturwart des Werratalvereins" in der proppevollen Kirche einen launigen Lichtbildvortrag mit tollen Aufnahmen aus der Grenzöffnungs-Zeit in unserer Region. Da werden Erinnerungen wach, bei diesen emotionsgeladenen Bilddokumenten.

Schmidt war damals Büroleiter des Herleshäuser Bürgermeisters Uwe Hartmann. ,,Weißt Du, was morgen los ist?", wollte er telefonisch von seinem Chef wissen. Hartmann wusste: ,,Wir müssen uns auf viele Besucher einstellen." Recht hatte er. Am Freitag, 10. November 1989, knatterte um 0.28 Uhr der erste Trabi ohne Kontrolle über die Grenze in Herleshausen. Unzählige folgten.
28 000 Menschen haben an diesem ersten Wochenende nach der Grenzöffnung ,,rübergemacht". Viele wollten nur mal sehen, ob es wirklich geht. Wildfremde Leute aus Ost und West lagen sich in den Armen und weinten. ,,In diesen Tagen voller Freude und Emotionen entstanden Freundschaften, die bis heute halten", erzählt Schmidt mit leuchtenden Augen. Volksfeststimmung in Herleshausen. Musiker aus Ost und West haben in dem kleinen Ort ,,Wahre Freundschaft soll nicht wanken" auf offener Straße gespielt - bis ihre Lippen wegen der Kälte an den Mundstücken der Instrumente klebten. Es war zum heulen.
Diese Bilder! Lange Schlangen vor den beiden Lebensmittelgeschäften. Wolfgang Maenz schiebt hoch gestapelte Paletten mit Orangenkisten über die Straße ins Geschäft. Das nächste Bild zeigt ihn vor leeren Regalen. In der ersten Woche waren die Geschäfte täglich ausverkauft. Einheimische konnten erst spät abends nach neuer Lieferung zugreifen.

Lange Schlangen an der Bushaltestelle. Erstmals fuhren Ost-Ikarus und
West-MAN-Busse direkt von Eisenach nach Herleshausen - und umgekehrt. Niemand mußte mehr in Wartha umsteigen. Ein nicht nur für Oldtimer-Fans schönes Bild - beide Busse nebeneinander auf der Dorfstraße.

Lange Schlangen vor der Post und Sparkasse (zu den Öffnungszeiten) und vor der Mehrzweckhalle (rund um die Uhr!). Unzählige Helfer zahlten das Begrüßungsgeld aus. 2 800 000,- DM am ersten Wochenende! Der Andrang nahm kein Ende. Schmidt erinnert sich: ,,Weil das Geld nicht reichte, haben wir den Sparkassendirektor mitten in der Nacht rausgeklingelt. Er hat es dann in Plastiktüten von der Bank in die Mehrzweckhalle getragen." Unglaublich!
Ein Hubschrauber flog pekuniären Nachschub von der Landeszentralbank ein.

Lange Schlange am 23. Dezember auf dem schnell errichteten Holzsteg über die Werra zwischen Lauchröden und Herleshausen. Lange mussten die Menschen darauf warten, trockenen Fußes den Fluß zu überqueren.

Lange Schlangen auch auf der Autobahn. Erst von Ost nach West, später auch von West nach Ost.

......und irgendwann am Abend zeigt Bürgermeister Schmidt das letzte Bild.
Langer Beifall. Dieter Weiß, Vorsitzender des Rennsteigvereins Neuenhof, dankt Helmut Schmidt für den interessanten Vortrag mit der Plakette: ,,9. 11. 89, West - Ost, grenzenlos wandern", die er mit seiner Tochter Jaqueline entwarf.
Pfarrer Cristoph Ifland weist auf die von Manfred Kaiser und Uli Wimmer gestaltete Fotoausstellung im Pfarrhaus hin, in der viele der eben gesehenen Bilder wiederzufinden sind.

Der wunderbare Abend endet in gemütlicher Atmosphäre mit den Hessen, Schwaben und Thüringern im Bürgerraum der ehemaligen Dorfschule.
Bei kühlem Gerstensaft tauschen nicht nur Helmut Schmidt und Siegfried Lieske, langjähriger Ortsteilbürgermeister von Neuenhof, lachend Erinnerungen
aus. Prost!





Sonntag, 8. 11. 2009:
Großer Wandertag. Über den Kielforst. 10 Uhr Treffpunkt für alle Ausgeschlafenen am Pfarrhaus Neuenhof. Eugen Klumpp kutschiert uns im schwäbischen Luxusbus in zwei Fuhren zum Amateur-Funkturm oberhalb von Pferdsdorf. Früher hatten hier nur Uniformierte einen wunderbaren Blick über die Höhen......jetzt sind sogar Rindviecher auf der ,,Alm".
Der Werratalverein Herleshausen ist schon vor Ort. Bürgermeister Helmut Schmidt erklärt unter dem ehemaligen Wachtturm der Zonengrenze als Wanderführer kurz und bündig Wissenswertes über den Kielforst. Dann macht sich die 120-köpfige Gesellschaft auf den gelegentlich steilen Weg. Der Schwarzwaldverein, Ortsgruppe Besenfeld, ist ja naturgemäß an solche Strecken gewöhnt......

Klaus Gogler, Wanderwart des Werratalvereins und ambitionierter Hobby-Fotograf, marschiert mit seinem langen Wanderstab und ebensolchen Schritten vorneweg. Er kennt das Terrain. Und weiß, wo man die Wanderer gut von vorn ins Bild bekommt. Der Chronist nimmt sich Zeit und macht die fotografische Nachhut.

Oberhalb der felsigen Steilwand, dem fast zugewachsenen alten Grenzverlauf mit Blick auf die Werra erzählt Helmut Schmidt: ,,Hier oben haben wir auf hessischer Seite Sonntags den Torjubel vom Neuenhöfer Sportplatz hören können." Ob umgekehrt die Neuenhöfer heute wohl den Runstgesang aus dem großen Kreis von über hundert Kehlen hier oben hören?

Durch den goldbraunen Herbstwald geht es vorbei an alten Grenzsteinen, zu denen Siegfried Lieske historisches weiß, bergab zum Siegelshof. In der alten Scheune versorgt uns der Angelverein Herleshausen, unterstützt vom Werratalverein, mit einer zünftigen Brotzeit. Draußen gibt's den ersten Glühwein.....

Nach der Jause auf dem alten Vorwerk trollt man sich zur ,,Bushaltestation" an der Autobahnunterführung nach Herleshausen. Dort wartet Chauffeur Eugen. Auch Helmut Baum beteiligt sich mit seinem VW-Buss am ,,Transportgeschäft" zur Rückkehr nach Neuenhof. Jochen Leischner steuert ein ,,Taxi" vom Autohaus Göthling.

Nachmittägliche Kaffeepause, bevor das Abendprogramm mit einem Gedenkgottesdienst in der Kirche Neuenhof startet. Pfarrer Cristoph Ifland gestaltet den Gottesdienst mit seinem Berufskollegen aus Herleshausen, Martin von Frommannshausen.
Musikalisch stößt der Posaunenchor Neuenhof ins Horn. Unter der Leitung von Dr. Regina Köppe singt der Kirchenchor Stedtfeld-Neuenhof-Hörschel.
,,Wir sind immer wieder neu berührt, denken wir an die Ereignisse vor 20 Jahren zurück", sagt Pfarrer Ifland in seiner Predigt.

Im Anschluß an den Gottesdienst wird die Fotoausstellung im Pfarrhaus bestens besucht. Dann huscht man über die Straße in den Bürgerraum. Es hat sich herumgesprochen, daß nicht nur Thüringer Bratwurst auf der abendlichen Speisekarte steht, sondern auch der beste Kartoffelsalat weit und breit - von Inge und Erich Deiß. Das schmeckt den Schwaben. Die haben erstklassigen Schwarzwälder Schinken mitgebracht. Fritz Girrbach, Vorsitzender der Ortsgruppe Besenfeld im Schwarzwaldverein und begnadeter Kunsthandwerker, verteilt zum Dank für das ereignissreiche Wochenende geschnitzte Holzherzen an das Helferteam der Gastgeber, sowie einen Riesen-Schinken für den Verein.

So klingt der Abend mit warmen Worten, kühlen Getränken und diversen Witzchen aus.
......der Denkerkopf eines vereinsbekannten Herrn nimmt kurzfristig Bekanntschaft mit einem massiven Buchdeckel auf. Was man mit Wandertagebüchern so alles machen kann!? Schwerer Schaden wird jedoch nicht festgestellt - bei keinem.

Alle blieben fit, für den


Montag, 9. 11. 2009:
Morgens trifft man sich wo? Am Pfarrhaus Neuenhof. Mit dem Bus geht's auf klassische Stadtrundfahrt durch Eisenach mit Wartburg, Bach- und Lutherhaus, Georgenkirche. Auch die Fotoausstellung in der Sparkasse am Markt, mit Stadt-Bildern von 1989, ist sehr sehenswert. So teilt sich die bunte Truppe je nach Interessenlage. Dann haben die Füße erst mal Mittagspause. Fritz Girrbach überreicht beim nachmittäglichen Kaffeekränzchen im Bürgerraum den Gastgebern noch einen selbstgebastelten ,,Stern von Besenfeld". Halleluja.

Langsam wird es dunkel: Siegfried Lieske, sowie die Wanderwarte Jürgen Erdmann und Klaus Gogler empfangen 52 Läufer zur traditionellen Wanderung über den Eichelberg. Rennsteigverein und Werratalverein laden gemeinsam dazu ein. Los geht's. Von der ,,Schwarzwaldtanne" (wie passend) über den Felsenkellerweg. Bergauf zum kleinen Eichelberg, dann Rennsteig mit Heimatblick. Da kommt man ins Schwitzen. Vom Gonnermann-Eck läuft es sich über den großen Eichelberg an der Gerichtskiefer vorbei durch den Tittel zurück nach Neuenhof. Puuuuuhh......
Doch der erfahrene und durchtrainierte Wanderer findet auch in Dunkelheit immer sein Ziel.

Das ist an diesem Abend einmal mehr die Kirche in Neuenhof. Der Weg dorthin ist wie die Landepiste vom Erfurter Flughafen ,,befeuert". Kleine Teelichter in Gläsern leuchten stimmungsvoll den Besuchern den Weg zur Gedenkstunde. Pfarrer Christoph Ifland hat heute Abend die Luther-Bibel zur Seite gelegt und schlüpft in die Rolle des Moderators. Jörg Friese am Klavier und Ingrid Lux an der Flöte begrüßen die Gäste musikalisch. Nicht nur die Herleshäuser sind gekommen, sondern auch die Altmorschener mit ihrem Männergesangverein, um gemeinsam mit dem MGV Neuenhof zu singen: ,,Mein Bruder komm....."

Manfred Kaiser, Siegfried Lieske, Marion Bauer, Peter Hinz, Rudolf Schiller und Pfarrer Hartmut Häcker aus Weilimdorf schildern mit sehr persönlichen Erzählungen ihre Erlebnisse während der Wendezeit. Da kullert manche Träne.
In den Kirchenbänken hat jeder seine eigenen, tiefen Erinnerungen....
Hartmut Häcker bringt als Gastgeschenk fünf Kletterrosen mit, die Christoph Ifland stellvertretend für alle Kirchgemeinden in Pflege nimmt. 
Im ,,Morgenrot", wie der Männerchor singt, werden sie sicher blühen. In Göringen, Wartha, Neuenhof, Hörschel und Stedtfeld. Nach ,,Still ruht die Welt" ruht das Mikrofon allerdings noch nicht. Dieter Weiß tritt vor und bedankt sich bei allen mitwirkenden ,,Programmgestaltern" für das gelungene Wochenende mit der Plakette: ,,9. 11. 89, West - Ost, grenzenlos wandern".

Beim Instrumentalstück von Jörg Friese und Ingrid Lux summt zum Schluß die Gemeinde mit. Hans-Joachim Voigtländer, Vorsitzender der OG Hörschel-Eisenach im Rennsteigverein, verteilt ,,Erinnerungsheftchen" mit Auszügen aus der Chronik der Eisenacher Wende. Christoph Ifland verabschiedet die Leute zum köstliche Suppe fassen in seinen Pfarrgarten.
Schlange stehen ist angesagt.......
Wer flott ist findet noch einen Sitzplatz im Bürgerraum. Dort wird ,,gebabbelt", was das Zeug hält: schwäbisch, hessisch, thüringisch.

Später, Punkt 22 Uhr, läßt Pfarrer Christoph Ifland die Neuenhöfer Glocken zur Freude aller läuten. Dann treten die Männergesangvereine Neuenhof und Altmorschen ins Freie und geben ein spontanes Open-Air-Konzert. Was für eine Stimmung! Alles steht draußen und singt im großen Kreis die Nationalhymne. Weit nach Mitternacht findet der letzte fröhliche Wiedervereinte seinen Heimweg........und muß über keine Mauer klettern!


Dienstag, 10. 11. 2009:
Nach diesem bewegenden Wochenende steigen morgens die Gäste aus Baden-Württemberg in ihren bequemen Bus zu Eugen Klumpp und machen sich auf ins Schwabenländle - mit einem Abstecher nach Geisa zum ,,Point Alpha".


Gut Runst, auf Wiedersehen und gute Fahrt.